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Wir haben die Scheibe.

Die Geschichte des Autoglases

1904: Windschutzscheibe als kostenpflichtige Sonderausstattung

Windschutzscheibe Ford T – Bild: Fotolia

Die ersten Windschutzscheiben, die um 1904 in Autos verbaut wurden, waren tatsächlich optionale Sonderausstattungen. Bestellt wurde dieser „Luxus“ von Motoristen, die etwas mehr Schutz benötigten, als es die üblicherweise getragenen Schutzbrillen versprachen. Aber schon bald wurden vollständig geschlossene PKWs, LKWs und Busse hergestellt – entsprechend dramatisch stieg die Nachfrage nach Autoglas.

Bis 1900 wurde klar durchsichtiges, feuerblankes Fensterglas ausschließlich im Mundblasverfahren hergestellt.

1905 gelang es dem Belgier Fourcault in der Glashütte Tilly in Brabant-Wollon zum ersten Mal, eine Glastafel unmittelbar aus der Glasschmelze zu ziehen. Mit dem Hochziehen des Glases aus der flüssigen Schmelze in einen Kühlkanal kann das Glas oben im Kanal zugeschnitten werden. Die Glasdicke ist durch die Ziehgeschwindigkeit einstellbar. Das Fourcault-Verfahren kam ab 1913 zum Einsatz und bedeutete eine große Verbesserung.

1909: Die Idee, zwei Glasscheiben miteinander zu verbinden, um ein sog. Verbundglas zu erhalten, ist alt. Bereits 1909 patentierte der französische Chemikers Edouard Bénédictus das Verbund-Sicherheitsglas. In seinem patentierten Verfahren werden zwei Glasscheiben nacheinander mit einer Gelatine- und Cellulose-Schicht überzogen, dann mit einer Celluloidschicht im Spiritusbad zusammengelegt und von einer hydraulischen Presse unter erhöhter Temperatur splitterfest miteinander verklebt. Bis Verbundsicherheitsglas in einem Kraftfahrzeug zum Einsatz kommt, sollen aber noch Jahrzehnte vergehen.

1917 entwickelte der Amerikaner Colburn mit Unterstützung der Libbey-Owens-Gesellschaft ein neuartiges Glas-Ziehverfahren. Die Vorteile gegenüber dem Fourcault-Verfahren lagen in der einfacheren Kühlung. Da der Kühlofen in der Länge beliebig lang sein konnte, erreichte dieses Verfahren etwa die doppelte Produktionsgeschwindigkeit.

Autoglas für geschlossene Wagen

1919: Der erste Meilenstein in der Geschichte des Autoglases war in der Tat die breite Akzeptanz von glasumschlossenen Fahrzeugen bei den Fahrzeug-Käufern. Noch im Jahr 1919 hatten neun von zehn Fahrzeugen nur einen Regenschutz für den Fahrer. Autofahren war eine Schönwetter-Angelegenheit.

1929: Bereits zehn Jahre später, 1929 hatte sich die Situation ins Gegenteil verkehrt. Jetzt waren rund 90% der Fahrzeuge mit Front- Seiten- und Heckscheiben ausgestattet. Endlich waren die Insassen vor Wind, Regen, Matsch und Straßenstaub geschützt. Autofahren war nicht mehr nur notwendiges Übel, um von A nach B zu gelangen, es entwickelte sich zu einem festen Bestandteil des gesellschaftlichen Gefüges. Sehen und – vielleicht noch wichtiger – gesehen werden.
Nicht nur, dass nahezu alle Autos jetzt mit Scheiben ausgestattet waren, die Windschutzscheibe wurde auch sicherer. Einer der Verfechter der Verbundglas-Windschutzscheibe war Henry Ford. Zwischen 1919 und 1929 stattete Ford alle Fahrzeuge mit diesen Scheiben aus.

Endlosglas ersetzte die Glas-Manufaktur im Autoscheibenbereich

1923: Die Autoglas-Industrie reagierte auf die wachsende Nachfrage mit Innovationen insbesondere im Bereich der automatisierten Herstellung. Das englische Unternehmen Pilkington und der Autobauer Ford stellten die Autoglas-Produktion auf kontinuierliches Walzglas um. Die Endlosglas-Herstellung löste die bis dahin übliche Einzelfertigung der Scheiben ab. Alleine dieser Schritt senkte die Kosten der Scheibenproduktion dramatisch und führte zu einer deutlichen Verbesserung der Qualität. Eines der Hauptprobleme bei Fahrzeugscheiben waren bis dato die Verzerrungen, die das noch nicht in Großserie hergestellte Glas noch hatte.

Autoglas-Innovationen: Sicherheitsglas und gebogene Scheiben

1927: Der deutsche Glasindustrielle Ferdinand Kinon hatte bereits ein Jahr nach der Patentierung des Verbundsicherheitsglases im Jahr 1910 die Herstellungsrechte von der Pariser „Société du Vorre Triplex“  erworben. Zunächst baute man u.a. beschussfestes Sicherheitsglas für Panzer des 1. Weltkrieges.
1927 kaufte der Bruder des inzwischen verstorbenen Ferdinand Kinon die Patente für Deutschland und führte das Verbundsicherheitsglas unter dem Handelsnamen „Kinonglas“ ein. Im gleichen Jahr begann die Verwendung des Kinonglases als Windschutzscheibe für Automobile in Deutschland durch Ford in Berlin und Horch in Zwickau. Die Firma Kinon besteht noch heute. Sie wurde 1952 von den Vereinigten Glaswerken Gesellschaft mit beschränkter Haftung Aachen als Tochter-Gesellschaft mit beschränkter Haftung übernommen. (Quelle: NDB-Artikel)

Einscheibensicherheitsglas (ESG)

1927: Unter dem Markennamen „Securit“ stellen die Glaswerke Herzogenrath bei Aachen (gehören heute zu Saint-Gobain) das erste Einscheiben-Sicherheitsglas (ESG) der Welt vor.

1929/30: Das Securit-ESG wird auf den Markt gebracht. Der Gewinn an Sicherheit ist für die Insassen eklatant. ESG zerbricht nicht in gefährlich scharfe Scherben, sondern zerbröselt regelrecht in kleine, relativ ungefährliche Glaskrümel. Man nennt es daher auch „Krümelglas“. Während des Produktionsprozesses wird das heisse Glas mit kalter Luft „abgeschreckt“. Durch das abrupte Abkühlen der Glasoberflächen kühlen die Außenseiten des Glases schneller ab, als die Kernzone. Im Glas bilden sich so starke innere Spannungen – es ensteht ein vorgespanntes Glas, das dennoch eine höhere Biege-, Schlag- und Stoßfestigkeit, als normales Glas aufweist.

1934: In den USA werden erstmals gebogene Windschutzscheiben und Heckscheiben eingesetzt.

Panoramascheibe Opel Rekord P1

1950: Mit Beginn den 50er Jahre kam in den USA die Panorama-Frontscheibe auf. Die amerikanische Bezeichnung lautet „wraparound windshield“ (herumgewickelte Windschutzscheibe). Eingesetzt wurde das beliebte Designelement insbesondere bei höherwertigen Modellen der US-Straßenkreuzer. Ab Mitte der 50er Jahre kam die Mode auch nach Europa und fand besonders bei den deutschen Automobilherstellern Anklang (z.B. Opel Rekord und Opel Kapitän). Sogar Mercedes konnte sich Anfang der 60er Jahre bei den Modellen W110 sowie W111 dem Designtrend nicht ganz verschließen, auch wenn es sich nur um eine angedeutete Panoramascheibe handelte. Sogar Kleinwagen wurden mit Panoramascheiben ausgestattet. Anfang der 1960er Jahre verschwand die Mode jedoch wieder vollständig vom Markt.

1956: In Deutschland blieb die Gesetzgebung hinsichtlich einer Sicherheitsverglasung lange Zeit sehr zurückhaltend. Erst 1956 wurde der neue Sicherheitsstandard in der Straßenverkehrsordnung endgültig vorgeschrieben. Seitdem ist bindend vorgeschrieben, dass Autoscheiben aus Sicherheitsglas bestehen müssen. Ein amtliches Prüfzeichen bestätigt die Einhaltung der der Norm. Neben dem Verbundsicherheitsglas (VSG) war allerdings immer noch die Verwendung von Einscheibensicherheitsglas (ESG) erlaubt. Selbst bis zum heutigen Zeitpunkt ist laut § 40 der StVZO der Terminus Sicherheitsglas nicht weiter spezifiziert:
„§40 (1) Sämtliche Scheiben – ausgenommen Spiegel sowie Abdeckscheiben von lichttechnischen Einrichtungen und Instrumenten – müssen aus Sicherheitsglas bestehen. Als Sicherheitsglas gilt Glas oder ein glasähnlicher Stoff, deren Bruchstücke keine ernstlichen Verletzungen verursachen können. Scheiben aus Sicherheitsglas, die für die Sicht des Fahrzeugführers von Bedeutung sind, müssen klar, lichtdurchlässig und verzerrungsfrei sein.“

Kurioserweise war es das Unternehmen Saint-Gobain, heute einer der weltweit größten Hersteller von Verbundglasscheiben, lange Zeit einer der heftigsten Verfechter der ESG-Scheibe. Noch heute ist Einscheibensicherheitsglas bei Notausstiegen in Bussen vorgeschrieben.

1957: Nahezu alle amerikanischen Autos werden inzwischen mit Windschutzscheiben ausgeliefert, die nicht nur zu den Seiten hin gewölbt sind, sondern auch nach oben und nach unten hin.  Bemerkenswert, dass die Verbreitung dieser wie eine flache Schüssel gewölbten Scheiben bis weit nach dem zweiten Weltkrieg dauerte, obwohl die Technik bereits länger verfügbar war.

1959 – Floatglas: Ende der 50er Jahre schrieb der Engländers Pilkington Glas-Geschichte. Er suchte nach einem ökonomischeren und qualitativ besseren Herstellungsverfahren. Seine geniale Idee: er leitete das noch flüssige Glasband über eine idealplane Oberfläche – ein Metallbad aus flüssigem Zinn. Das Glas schwimmt bzw. „floated“ als endloses Band auf einem Gasfilm zwischen Metallbad und Glasfläche und wird dann in der Erstarrungsphase auf einem Rollenband durch einen endlos langen Kühlkanal geleitet. Dadurch war es erstmals möglich, Glastafeln mit hochpräzisen planparallelen Oberflächen zu erzeugen, die ohne vorheriges Schleifen und Polieren eine störungsfreie Optik aufweisen. Dieses Prinzip revolutionierte die Flachglasfertigung und wurde in den 1970er Jahren allgemeiner Standard.

Bis Ende der 70-er Jahre waren in Deutschland fast alle Fahrzeuge immer noch mit Windschutzscheiben aus Einscheibensicherheitsglas ausgestattet. Die Windschutzscheiben wurden mit Gummidichtungen montiert, so dass die Scheiben relativ einfach aus- und einzubauen waren.

Autoglas als High-Tech Produkt

Heute geht die Aufgabe von Autoglas weit über die reine Schutz- und Sicherheitsfunktion hinaus. Als tragendes Teil der Fahrzeugstruktur leistet Autoglas heute einen maßgeblichen Beitrag zur Torsionssteifigkeit eines Fahrzeuges. Die feststehenden Scheiben von Fahrzeugen sind heute fast immer flächenbündig mit der Karosserie verklebt.

In den vergangenen 35 Jahren hat sich die Glasfläche bei vergleichbaren Modellen um 50 Prozent erhöht. Die durchschnittliche Windschutzscheibe wurde in dieser Zeit um über 60 Prozent größer.

Fahrzeugscheiben sind High-Tech Produkte mit einer Vielzahl an zusätzlichen Funktionen geworden: Regensensor, Head-Up-Display, Scheibenantenne, unbeschichtete Felder speziell für ungestörten GPS-Empfang, Infrarot-Sensoren, vollflächige Beheizbarkeit, Teilbeheizbarkeit. Hinzu kommen gestalterische und thermische Funktionen. Colorglas, Tönungen, Wärmeschutzglas mit infrarotabweisenden Zwischenfolien, Farbkeile etc. etc.

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